Rundbrief: Mehr Unterstützung für Familien mit Angehörigen mit einer Beeinträchtigung

Eltern von Kindern mit hohem Assistenzbedarf stehen in Russland vor enormen Herausforderungen, ein staatliches soziales Sicherungsnetz gibt es praktisch nicht. Um so wichtiger ist die Arbeit von Perspektivy: über die vergangenen 20 Jahre hat die Organisation einen ambulanten Beratungs- und Betreuungsdienst aufgebaut, der inzwischen bis zu 230 Familien in schwierigen Situationen begleitet und stabilisiert. 

* Titelfoto: Abschlussfest im Kindertageszentrum: Sechs Kinder haben im Sommer die Einrichtung verlassen und wurden an verschiedenen Förderschulen der Stadt eingeschult.

Liebe Freundinnen und Freunde von Perspektiven!

Anfang November fand unsere jährliche Mitgliederversammlung an einem besonderen Ort statt: im Inklusionshotel Anna+Sascha in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Das Hotel wird seit diesem Jahr von unserem Perspektiven-Mitglied Katja und ihrem Verein Anna+Sascha e.V. betrieben. Eine lange Zeit der Planung und Errichtung liegt hinter ihnen, das Ergebnis ist großartig. Die Geschichte des Hotels ist eng mit Perspektiven verbunden: vor fast 25 Jahren adoptierte Katja den damals siebenjährigen Sascha aus dem Kinderheim in Pawlowsk, in dem Perspektiven seit 1996 tätig ist. Damit begann für die beiden ein Weg, der sich mit der Eröffnung des Hotels auf besondere Weise fortgeschrieben hat. 

Wir Perspektiven-Mitglieder haben uns in Annaberg intensiv über unser Engagement in Russland ausgetauscht. Bei aller Besorgnis und auch Traurigkeit über die schwierige Situation waren wir uns einig, unsere Freundinnen und Freunde in St. Petersburg weiterhin nach allen Kräften zu unterstützen.

Neue Projektförderung

Hierzu haben wir eine neue Projektförderung beschlossen. Nach drei Jahren intensiver Unterstützung der Anfang 2023 eröffneten Wohnung für betreutes Wohnen in St. Petersburg steht dieses Projekt nun finanziell stabiler da. So können wir ab dem 1. Januar 2026 verstärkt die Familienhilfe unserer Partnerorganisation Perspektivy in St. Petersburg fördern. Der Projektbereich umfasst verschiedene Hilfsangebote und Assistenzdienste für Familien mit Angehörigen mit einer Beeinträchtigung. Ziel aller Hilfsmaßnahmen ist es, die Familien so zu stärken, dass sie die Betreuung weiterhin zu Hause leisten können und nicht aus Überforderung oder fehlender Unterstützung gezwungen sind, ihre Angehörigen in ein Heim zu geben.

Entwicklung von Strukturen für eine systematische Unterstützung

Perspektivy arbeitet derzeit intensiv daran, dauerhafte Strukturen für eine systematische Unterstützung für Familien mit Kindern und Erwachsenen mit Mehrfachbehinderungen in St. Petersburg zu entwickeln. Ziel ist, dass staatliche Institutionen einer Familie von der Geburt eines Kindes mit Beeinträchtigung an Unterstützung bieten und sie ein Leben lang begleiten. Auch die Frage, wie Menschen mit einer Behinderung nach der Entlassung aus staatlichen Internaten weiter betreut werden können, drängt immer stärker.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war ein von Perspektivy im Mai organisierter Runder Tisch mit Vertreterinnen und Vertretern der St. Petersburger Sozialbehörde sowie lokalen NGOs, die bereits Familienassistenz anbieten. Gemeinsam wurde diskutiert, in welchen Phasen und in welchen Formen Unterstützung notwendig ist und wie dies künftig auf Stadtebene verankert werden könnte. Die Teilnehmenden verständigten sich darauf, ein öffentlich-privates Partnerschaftsprogramm zu entwickeln, das langfristig allen Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen und ihren Familien zugutekommt.

Zusammenarbeit mit städtischen Sozialrehabilitationszentren und Förderschulen

Seit vielen Jahren engagiert sich Perspektivy dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigungen Zugang zu bestehenden sozialen Angeboten in St. Petersburg erhalten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den städtischen Sozialrehabilitationszentren – Tageszentren, die in jedem Stadtbezirk bestehen und zum Teil auch Werkstätten umfassen. Bislang nehmen diese Einrichtungen jedoch kaum Menschen mit hohem Assistenzbedarf auf. Häufig fehlen geeignete Räume, qualifiziertes Personal oder passende Ausstattung. Perspektivy berät diese Zentren deshalb dabei, ihre Angebote zu öffnen und weiterzuentwickeln. Durch die eigenen, erfolgreich arbeitenden Betreuungseinrichtungen kann die Organisation zeigen, dass hierfür kein großes Gebäude und keine umfangreiche Ausstattung erforderlich sind.

Ein weiterer zentraler Bereich ist die Bildung. Zwar existieren in St. Petersburg Förderschulen für Kinder mit kognitiven Einschränkungen – doch Kinder mit hohem Hilfebedarf können dort meist nicht lernen. Oft wird ihnen stattdessen nur Hausunterricht für einige Stunden in der Woche angeboten. Das führt zu Isolation und verhindert soziale Teilhabe. Hier setzt Perspektivy an: Schulen werden bei der Erstellung individueller Förderprogramme unterstützt, Lehrkräfte erhalten Trainings zum Umgang mit herausforderndem Verhalten, und Eltern werden beraten, wie sie das Recht ihrer Kinder auf Bildung durchsetzen und den komplexen Aufnahmeprozess meistern können. Ziel ist, dass es in jedem Petersburger Bezirk mindestens eine Schule gibt, in der auch Kinder mit hohem Assistenzbedarf willkommen sind und gemeinsam mit anderen lernen können. 

Unterstützung in und aus Deutschland

Wir möchten Perspektivy bei diesen vielfältigen Herausforderungen inhaltlich unterstützen. Deshalb planen wir für die erste Jahreshälfte 2026 ein gemeinsames Treffen in Deutschland. Ziel ist es, unser gegenseitiges Verständnis dafür zu vertiefen, wie familienunterstützende Dienste in Deutschland und Russland aufgebaut sind und funktionieren. Zudem möchten wir konkrete Weiterbildungsangebote organisieren, die den Fachkräften aus St. Petersburg Einblicke in die deutsche Praxis ermöglichen und zur Weiterentwicklung ihrer Arbeit beitragen.

Gleichzeitig bleibt unsere finanzielle Förderung für die Familienhilfe unserer Partnerorganisation in St. Petersburg von zentraler Bedeutung. Nur mit ausreichenden Ressourcen können Familien die notwendige Unterstützung erhalten, um ihren Angehörigen ein Leben zu Hause und damit ein Stück Normalität zu ermöglichen. Wir bitten Sie daher herzlich um Ihre Unterstützung – und danken Ihnen von Herzen für die Begleitung und Förderung unserer Arbeit im vergangenen Jahr.

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Wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Übergang in das neue Jahr 2026. 


Ihr Thomas Seifert


Geschäftsführer von Perspektiven e.V.

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