Rundbrief: Halten Sie mit uns das Fenster einen Spalt weit offen
Anfang der 90er-Jahre öffnete sich ein Zeitfenster für unsere humanitäre Arbeit in Russland. Nun schließt sich dieses Fenster wieder. Darum ist Ihre Unterstützung wichtiger denn je.
* Titelfoto: Ende April zu Besuch in Deutschland: der Aufenthalt ist für die Kolleginnen aus Sankt Petersburg bestenfalls immer auch eine Zeit des Durchatmens und Kraftschöpfens bei Freunden.
Liebe Freundinnen und Freunde von Perspektiven!
Anfang der 90er-Jahre öffnete sich ein Zeitfenster und unsere humanitäre Arbeit in Russland wurde plötzlich möglich. Es gab großen Bedarf an Hilfe zur Selbsthilfe und Perspektiven hat die historische Chance genutzt. Seit fast 35 Jahren fördert unser Verein soziales zivilgesellschaftliches Engagement in St. Petersburg und Umgebung. Angefangen hat es mit Projekten zur Unterstützung von Straßenkindern, dann kamen Angebote für Menschen mit Behinderungen hinzu, erst für Kinder, dann auch für Erwachsene. Eine eigenständige russische Partnerorganisation namens Perspektivy wurde Ende der 90er Jahre gegründet, hunderte Freiwillige aus Deutschland begleiteten die Arbeit über Jahrzehnte. Gemeinsam mit Ihnen, unseren Spenderinnen und Spendern, haben wir das Leben von vielen Menschen mit Behinderungen in St. Petersburg sichtbar und in Russland beispielhaft verbessert.
Nun schließt sich dieses Fenster wieder. Die deutsch-russische Zusammenarbeit schwindet aus nachvollziehbaren Gründen auch im zivilgesellschaftlichen Bereich. Das hat Auswirkungen auf Perspektiven und wir müssen auf die deutlich gesunkenen Spendeneinnahmen reagieren. Institutionelle Förderung finden wir für soziale Arbeit in Russland längst nicht mehr. Eine Zeitlang konnten wir das durch unsere Rücklagen auffangen, doch diese sind jetzt aufgebraucht. Es ist wahrscheinlich, dass wir uns als Verein von Januar 2027 an keinen hauptamtlichen Geschäftsführer mehr leisten können, wenn wir unserem Hauptanliegen gerecht werden wollen, die Menschen in den Projekten von Perspektivy zu unterstützen und dort vor allem Personal mitzufinanzieren, das mit ihnen arbeitet.
In den 35 Jahren des Bestehens von Perspektiven ging es immer mal auf und ab mit den finanziellen Ressourcen, aber einen Einbruch wie jetzt hat es noch nie gegeben. Es ist derzeit nicht abzusehen, wie es weitergeht und welche Konsequenzen es haben wird, wenn wir unsere finanzielle Unterstützung für die Projekte massiv zurückfahren müssen - wonach es im Moment auf jeden Fall aussieht. Es ist auch nicht klar, wie unser Verein seine Aufgaben zukünftig auf rein ehrenamtlicher Basis wird bewerkstelligen können.
Bei Perspektivy in St. Petersburg sorgt es natürlich für Verunsicherung, wenn der deutsche Partner nicht mehr zuverlässig finanziell unterstützen kann. Es steht die große Frage im Raum, ob die Brücken nach Deutschland weiter halten und tragen.
Ein Grund für den Rückgang der Spenden ist sicher der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Manche mögen sich fragen, warum sie Projekte in einem solchen Land unterstützen sollen. Das ist verständlich und doch sind wir fest entschlossen, unsere Arbeit fortzuführen. Die Menschen in den Projekten brauchen uns, wir können sie nicht im Stich lassen, und wir fördern mit unserem Engagement auch die Zivilgesellschaft, die es in Russland noch immer gibt. Wir haben so viel aufgebaut und über die Jahre sind Beziehungen, Partnerschaften und Freundschaften mit Mitarbeitenden wie mit Bewohnerinnen und Bewohnern der Projekte in St. Petersburg gewachsen. Wir haben gemeinsam Erfolge errungen und Rückschläge und Enttäuschungen geteilt – daraus schöpfen wir die Kraft, das Vertrauen und die Zuversicht, das Fenster einen Spalt weit offen zu halten.
Fachaustausch – was durch den Spalt möglich ist!
Vom 23. bis zum 28. April waren sieben Kolleginnen von Perspektivy aus St. Petersburg zu Gast in Deutschland. Das Thema des von uns organisierten Fachtreffens lautete: Welche konkreten Unterstützungsangebote gibt es in Deutschland für Kinder mit Behinderungen und ihre Angehörigen?
Auf dem Programm standen Besuche bei einer Teilhabeberatung, beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, in einem Sozialpädiatrischen Zentrum und einem Kinderhospiz, einem Verein für familienentlastende Dienste und einer Elterninitiative. Wir waren vor allem in Berlin unterwegs, aber auch in Leipzig.
Und die Türen standen uns offen. Dass es russische Gäste waren, die sie empfangen sollten, stieß nirgendwo auf Ablehnung oder wurde auch nur hinterfragt. Im Gegenteil. Es war unglaublich, wie sich die Mitarbeitenden in den Einrichtungen Zeit genommen und ihre Erfahrungen so großzügig mit uns geteilt haben. Man hatte das Gefühl, dass allein das Ziel, Menschen mit Beeinträchtigungen zu unterstützen, wichtig ist und dass es alle eint. Es war ein Austausch auf Augenhöhe, denn nicht nur die Mitarbeiterinnen von Perspektivy stellten die Fragen. Es gab ebenso großes Interesse daran, wie Dinge in Russland gemacht werden.
Auch wenn das System und die Voraussetzungen in Deutschland sich von denen in Russland unterscheiden, fanden die Mitarbeiterinnen von Perspektivy überall Anregungen und Inspiration für ihre Arbeit.
Mindestens so wichtig wie der fachliche Austausch sind bei diesen Treffen die ge-meinsame Zeit, die Gespräche und Begeg-nungen, die die Partnerschaft zwischen unseren Organisationen mit neuem Leben füllen. Perspektivy kann sich auf diese Weise vergewissern, dass der deutsche Verein weiter an ihrer Seite ist, ihnen den Rücken stärkt, und dass sie mit Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender, Freunde in Deutschland haben. Für die Menschen, die bei Perspektivy arbeiten, ist das gerade jetzt von unheimlich großer Bedeutung.
Wir danken Ihnen sehr für Ihre unermüdliche Bereitschaft, unsere karitative Arbeit in Russland mitzutragen. Nur mit Ihren Spenden ist das möglich. Bitte unterstützen Sie uns auch weiterhin, es ist wichtiger denn je.
Herzliche Grüße
Ihr Thomas Seifert
Geschäftsführer von Perspektiven e.V.
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