Unser Juni-Rundbrief ist da!

In unserem Sommer-Rundbrief 2021 stellen wir einen Artikel aus der "Nowaja Gaseta" vor, der das Leid der Menschen in den russischen Heimen sichtbar macht. Außerdem berichten wir von der Einweihung der Gedenktafel für Margarete von der Borch in St. Petersburg. 

Liebe Freundinnen und Freunde von Perspektiven!

Die russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ brachte Ende April dieses Jahres eine Sonderausgabe heraus, die es in sich hat. Der Titel: Internat. Auf zwanzig Seiten wird das Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem staatlichen Psychoneurologischen Internat (PNI) in Russland gezeigt. Für die Recherche verbrachten der international bekannte Fotograf Juri Kosyrew und die Journalistin Jelena Kostjutschenko zwei Wochen in einem Heim irgendwo in Russland. Perspektivy-Geschäftsführerin Katja Tarantschenko hat sie dabei begleitet.

Am Ende des Artikels ist eine Liste mit allen Internaten in Russland abgedruckt: „Damit alle das Ausmaß des Problems erkennen und verstehen, dass sich solche Einrichtungen überall befinden“, sagt Katja Tarantschenko. „Es scheint mir, dass dies ein bahnbrechender Artikel ist. Wir hoffen sehr, dass er das Heimsystem zum Einsturz bringt.“

Seit mehr als 25 Jahren arbeiten Freiwillige und Mitarbeiter*innen von Perspektivy im PNI in Peterhof und im Kinderheim in Pawlowsk. Auf unseren Stationen ist die Situation anders. Unsere Freiwilligen spielen mit den Kindern, machen Spaziergänge und unterbreiten ihnen Angebote zur künstlerischen Beschäftigung. Wir setzen uns zudem für Alternativen zur Heimunterbringung ein - für das Wohnen in kleinen betreuten Wohngemeinschaften.

In unseren drei Projekten des betreuten Wohnens in und um St. Petersburg zeigen wir, wie Selbstbestimmung und Teilhabe für Menschen mit Assistenzbedarf verwirklicht werden kann. Katja Tarantschenko richtet ihre Worte an die staatlichen Entscheidungsträger: „Wir haben umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Wir sind bereit unsere Lösungen zu teilen.“

Leider fehlen für Alternativen immer noch wichtige gesetzliche Grundlagen. So ist vor allem eine Änderung des Vormundschaftsrechtes wichtig. Eine entsprechende Gesetzesvorlage steht seit langer Zeit in der Duma, dem russischen Parlament, zur Diskussion. Bisher hat die Vormundschaft für die Bewohner*innen meist die Heimleitung. Sie bestimmt, wofür die bevormundete Person Geld ausgegeben darf, ob und wann sie spazieren oder Besuch empfangen darf. Eine kontrollierende Instanz von außen gibt es nicht. Diese Konstellation ist sehr anfällig für Willkür und Gewalt. Eine Betreuung außerhalb des Internats ist überhaupt nicht vorgesehen und bedarf bisher der Zustimmung der Heimleitung.

Perspektivy setzt sich für eine geteilte Vormundschaft ein, bei der nur so viele Befugnisse wie nötig an betreuende Personen oder Organisationen abgegeben werden. Das würde Menschen die Möglichkeit geben, außerhalb von Internaten zu leben und von Organisationen wie Perspektivy betreut zu werden. Wir hoffen, dass ein entsprechendes Gesetz bald verabschiedet wird.

Im Foyer des Kinderheimes in Pawlowsk hängt jetzt eine Tafel zum Gedenken an Margarete von der Borch, Mitgründerin der beiden Vereine Perspektiven und Perspektivy. Bei der feierlichen Einweihung Anfang Juni sagte Perspektivy-Direktorin Maria Ostrowskaja: „Margarete braucht solch eine Tafel nicht, ihr war jegliche Eitelkeit fremd. Aber wir brauchen diese Tafel. Um uns daran zu erinnern, dass ein einfacher Mensch, ohne besondere Ressourcen etwas verändern kann. Alles was Margarete begann, lebt heute fort, blüht und gedeiht und breitet sich weiter aus.“ Wir freuen uns sehr, dass in Russland auf diese Art und Weise an Margarete erinnert wird.

Auch in Russland ist die Pandemie noch nicht vorbei. Aber Freiwillige und Mitarbeiter*innen können wieder in den Heimen arbeiten, die beiden Perspektivy-Tageszentren haben geöffnet. Außerdem stehen elf deutsche Freiwillige in den Startlöchern. Drücken Sie uns die Daumen, dass sie ihre Jahresvisa erhalten und nach Russland ausreisen können. Wir freuen uns zudem sehr, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen.

Downloads

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Freiwillige reisen nach Russland

Wir freuen uns, dass Ende letzter Woche elf Freiwillige ihre Visa für Russland erhalten haben. Sehr lang hat es gedauert und immer neue Papiere erfordert, bis das russische Konsulat die Jahresvisa für den neuen Freiwilligenjahrgang ausgestellt hat. 

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Katja und Eva

Zum internationalen Frauentag stellen wir Euch Katja und ihre Tochter Eva vor. Katja muss jeden Tag stark sein. Denn sie ist alleinerziehend. Wie so viele Frauen in Russland, deren Kind mit einer Behinderung lebt. 

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Unser Rundbrief ist da!

Im Dezember-Rundbrief berichten wir, wie das Corona-Jahr die Arbeit von Perspektivy in St. Petersburg verändert hat - auf negative, wie auch positive Art und Weise.

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Vom Heim ins betreute Wohnen

Es ist vollbracht! Sechs junge Menschen aus dem Psychoneurologischen Internat (PNI) in Peterhof konnten kürzlich in zwei Wohnungen umziehen. 

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"Das System lebt von alten Vorstellungen"

Ein Interview mit Andrei Saizew, Leiter der Rechtsabteilung bei Perspektivy in Sankt Petersburg, über die Möglichkeiten, mit denen Menschen mit Behinderungen in Russland rechtlich geschützt werden können – und die Grenzen der juristischen Arbeit.

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Sascha führt ein bisschen Krieg

Als Sascha zur Welt kam, waren viele Russen dafür, Behinderte wie ihn liquidieren zu lassen. Doch Russlands Gesellschaft wandelt sich, und Sascha kämpft sich Schritt für Schritt voran - hin zu einem selbstständigen Leben. Eine Geschichte von Benjamin Bidder