Rundbrief: Freundschaft ist nicht nur ein schöner Begriff

Es war ein berührender Moment: Im Zelt des Berliner Kinderzirkus‘ Schatzinsel saßen vor einigen Wochen Menschen aus dem Freundes- und Unterstützerkreis von Perspektiven und auch manche, die uns zum ersten Mal begegnet sind. Wir ließen uns von der Vorstellung des Upsala-Circus verzaubern – und erinnerten uns daran, wie mit Perspektiven alles begann.

* Titelfoto: Fast 200 Gäste ließen sich am 10. Mai beim Benefiz-Nachmittag zu Gunsten von Perspektiven von der berührenden Vorstellung des Upsala-Circus begeistern.

Liebe Freundinnen und Freunde von Perspektiven!

In diesem Rundbrief möchten wir Sie mitnehmen - in die Atmosphäre im Zelt und auf die Wege, die Sie mit uns und unseren russischen Partnern seit 30 Jahren gehen. Es ist eine Geschichte von Engagement, Zusammenarbeit und einer Freundschaft, die über Kriege, Krisen und Grenzen hinaus Bestand hat. Sie erzählt, was Ihre Hilfe bewirkt hat und weiter bewirkt.

Wo alles begann: das Heim in Pawlowsk

1995 kam Perspektiven zum ersten Mal in das staatliche Kinderheim von Pawlowsk bei St. Petersburg. Es war ein erschütternder Anblick: über 600 Kinder mit Behinderung, viele von ihnen in einem Zustand tiefer Vernachlässigung. Auch Dina und Kirill lebten dort. Beide hatten fast ihr gesamtes Leben im Bett verbracht, in einem Raum mit 15 anderen, ohne Ansprache, ohne Förderung, ohne Spielzeug. Was es gab, waren ein Bett, drei Mahlzeiten – und viel, viel Leere.

Dann kamen die ersten Freiwilligen aus Deutschland. Zwei von ihnen – Assol und Doreen – waren bei unserem jüngsten Treffen im Zirkuszelt dabei. Sie haben Dina und Kirill damals aus ihrem Bett geholt, sie berührt und bewegt, sie haben mit ihnen gesungen, gemalt, gelacht. Es waren kleine Gesten mit großer Wirkung. Daraus wurden Beziehungen. Freundschaften, es entstanden Ideen.

Hilfe zur Selbsthilfe – in einem schwierigen System

Schon bald wurde klar: Die Arbeit der Freiwilligen reicht nicht. Es braucht Strukturen vor Ort. Unsere russische Partnerorganisation Perspektivy wurde gegründet. Heute ist Perspektivy eine der wichtigsten NGOs in Russland für Menschen mit Behinderung. Nicht nur, weil über 200 Mitarbeitende Kinder, Jugendliche und Erwachsene in stationären Einrichtungen, in Schulen, in betreuten Wohnungen und zu Hause in den Familien betreuen, sondern weil die Arbeit und die Projekte von Perspektivy als Vorbilder und Beispiele in ganz Russland dienen.

Perspektivy wurde von Anfang an von Perspektiven e.V. begleitet und unterstützt – organisatorisch, fachlich und finanziell. Unser Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Denn wir sind überzeugt, dass nachhaltige Veränderung nur durch lokale Verantwortung entsteht.

Stationen eines langen Weges

Als Dina und Kirill erwachsen wurden, mussten sie – wie alle Kinder in staatlicher Obhut – in ein sogenanntes Erwachsenenheim umziehen. In Peterhof, einem Vorort von St. Petersburg, fanden sie sich in einer riesigen Einrichtung mit über 1.000 Bewohnerinnen und Bewohnern wieder – isoliert, überfüllt, trostlos. Für viele endet dort jede Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben.

Aber Dina und Kirill hatten Freundinnen und Freunde – bei Perspektiven und bei Perspektivy. Gemeinsam mit ihnen haben wir Angebote aufgebaut, die bis heute bestehen: Malerei, Theater, Musik, Keramik, Kochen, Computer, Feste feiern, Ausflüge machen. „Kleine Inseln des Glücks“ nennen wir diese Räume. Orte, an denen Teilhabe und Selbstbestimmung möglich sind – in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung oft übersieht, sie wegsperrt und vernachlässigt.

Der nächste Schritt: raus aus dem Heim

Der nächste große Schritt war für viele kaum vorstellbar: Raus aus dem Heim – in eine eigene Wohnung. Und doch ist genau das gelungen. Inzwischen betreibt Perspektivy auch dank Ihrer Unterstützung vier Wohnprojekte in St. Petersburg und Umgebung, die 25 Plätze für Menschen mit hohem Betreuungsbedarf bieten. Manche haben es sogar in ein selbstständiges Leben geschafft.

Freundschaft über Grenzen hinweg

All das geschieht in einer schwierigen politischen Situation. Für uns stand dennoch nie in Frage, dass wir weitermachen. Perspektivy hat sich öffentlich gegen den Krieg positioniert – ein mutiger Schritt. Die Organisation riskiert damit, als „ausländischer Agent“ eingestuft zu werden, was in Russland mit großen Repressionen verbunden ist. Gerade jetzt, da internationale Zusammenarbeit durch politische Spannungen, Misstrauen und Repressionen erschwert wird, ist Freundschaft nicht nur ein schöner Begriff – sondern überlebenswichtig. Unsere Partnerorganisation ist trotz aller Risiken aktiv geblieben und setzt sich öffentlich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein.

Ohne Ihre Hilfe geht es nicht

Ihre Spenden finanzieren Fachkräfte und Freiwillige, sichern kreative Angebote, ermöglichen betreutes Wohnen und geben Familien neue Hoffnung. Dafür danken wir Ihnen von Herzen!

Wir bitten Sie: Bleiben Sie uns gewogen. Unterstützen Sie diese Arbeit – finanziell, ideell, im Gespräch mit anderen. Perspektivy ist ein Zufluchtsort für Menschen mit Behinderung, denen Teilhabe und Selbstbestimmung sonst verwehrt blieben. Und Zufluchtsorte wie dieser brauchen gerade jetzt unsere Aufmerksamkeit, unsere Solidarität und unsere Zuverlässigkeit.

Jede Form der Unterstützung ist von unschätzbarem Wert. Helfen Sie uns, diesen Zufluchtsort zu sichern – für Dina, Kirill und viele andere, für eine Gesellschaft, die niemanden ausschließt.

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Alles Gute und herzliche Grüße


Ihr Thomas Seifert


Geschäftsführer von Perspektiven e.V.

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