Tageszentrum

An den Anfängen dieses Projektes stand die Familienhilfe, die im Jahr 2000 damit begann, Familien zu unterstützen, die ein Kind mit Behinderung zu Hause betreuten, statt es in ein Heim zu geben. Dabei trafen die freiwilligen Helfer sehr häufig auf sozial isolierte Mütter, denen es an jeder Unterstützung fehlte.

Brachte eine Mutter in Russland ein Kind mit Behinderung zur Welt, so wurde ihr nahe gelegt, es mit einer Unterschrift in ein staatliches Heim abzugeben, sich selbst das Leben nicht zu „verbauen“. Bis heute hält diese Tendenz für Kinder mit schweren Behinderungen an. Auch bekommen damals wie heute die Familien, welche es nicht tun, neben einer geringen Invalidenrente vom Staat fast keine Unterstützung. Betreuungs- und Förderangebote gibt es kaum: je schwerer die Behinderung, desto kleiner die Angebote. Die Pflege eines Kindes bedeutet den Verdienstausfall eines Elternteils. Für eine „normale“ russische Familie ist es nahezu aussichtslos, mit nur einem Gehalt einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Familie gerät ins finanzielle und soziale Abseits. Oft halten vor allem die Väter diesem Druck nicht stand.

Wege aus der Isolation

Die Familienhilfe gibt Unterstützung bei der Betreuung der Kinder, beim Einkaufen, Saubermachen, Renovieren. Aber auch finanzielle und moralische Unterstützung sind von Nöten: zuhören, Mut machen, verstehen und trösten. Besonders wichtig erschien bald die stundenweise Entlastung der Mütter, damit sie selber wieder aus dem Haus gehen, Aktivitäten aufnehmen und soziale Kontakte pflegen konnten. Schnell wurde klar: das Hauptproblem der Familien besteht darin, dass das Kind rund um die Uhr zu Hause betreut werden muss. Stunden- oder tageweise Betreuungsangebote würden es den Eltern ermöglichen, wieder ein Stück „eigenes Leben“ zu führen.

Deshalb eröffnete Perspektivy im März 2004 das erste Tageszentrum. Mit Kleinbussen werden die Kinder geholt und wieder nach Hause gebracht, was für viele Familien unmöglich wäre. Sie werden von Pädagogen und verschiedenen Therapeuten betreut und gefördert und bekommen zu Essen. Schnell zeigten viele der Kinder ein bedeutendes Entwicklungspotential, dessen Ausschöpfung sowohl für sie selber als auch für ihre Eltern einen Zuwachs an Unabhängigkeit bedeutet. Es wurde auch möglich, mit den Eltern zu arbeiten, um brach liegende Möglichkeiten der Förderung von Selbständigkeit zu erschließen.

Anerkennung für ein bewährtes Modell

Im Rahmen einer Fernsehshow unter der Schirmherrschaft der Gouverneurin Valentina Matvienko bekam der Verein als Anerkennung dieser Arbeit im Winter 2005 eine 4 Zimmer Wohnung im Zentrum von St. Petersburg für 10 Jahre mietfrei überlassen. Nach der anstehenden Renovierung zog das Tageszentrum dort ein.

Heute besuchen 17 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene die Tagesstätte. Noch ist die Altersstruktur der Tageszentrumsbesucher/innen sehr unterschiedlich, denn mangels Alternativen kommen auch noch über 20-jährige. Wenn die räumlichen und finanziellen Ressourcen es zulassen, möchten wir verschiedene Gruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gründen. Zu hoffen bleibt weiterhin, dass sich in der Stadt weitere Angebote für Eltern mit pflegebedürftigen Kindern bilden werden, unser Modell jedenfalls hat sich bewährt.

Es wird auch weiterhin über die Tagesstätte hinaus gehende Familienhilfe geleistet. 25 Familien bekommen heute im Rahmen der so genannten „Krisenhilfe“ Unterstützung. Dies reicht vom Einsatz von russischen Freiwilligen über materielle und finanzielle Unterstützung bis zur Vermittlung von medizinischer Hilfe.