Peterhof

Dreißig Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg liegt Peterhof – berühmt für sein Schloss mit den prachtvollen Fontänen. Dort befindet sich das Psycho-Neurologische Internat (PNI) Nr. 3. Dieses staatliche Heim ist das Zuhause von über 1000 Bewohnern ab dem 18. Lebensjahr: Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, Psychisch Kranke, Obdachlose, Alte und Vergessene. Von der Gesellschaft ausgesondert, sind ihre Lebensbedingungen von Eintönigkeit und Mangel gekennzeichnet. Es fehlt an Zuwendung und Förderung, angemessener Ernährung, Hygiene und fachgerechter medizinischer Versorgung. Der Zustand vieler Bewohner ist daher weniger eine Folge ihrer Krankheit oder Behinderung als einer anhaltenden Unterversorgung und Vernachlässigung.

Leben, so normal wie möglich

Im September 2000 begann ein Team aus russischen und deutschen Freiwilligen sowie Mitarbeitern von Perspektivy in Peterhof zu arbeiten. Ihr Umgang mit den Bewohnern sollte auch ein Modell sein für Zuwendung und wertschätzende Kommunikation als Basis für einen würdigen Umgang mit den anvertrauten Menschen.

Bis heute konnten verschiedene Bereiche geschaffen werden, die Ansätze eines menschenwürdigen Dasein erfahrbar machen. Im Werkstatt- und Handarbeitsbereich werden Arbeiten mit verschiedenen Materialien angeboten. Die dabei entstehenden Produkte werden nach Möglichkeit verkauft. Ebenso werden Renovierungs- und Reparaturarbeiten durch Bewohner übernommen und die Waschmaschinen bedient. In der Küche und in einem Café wird regelmäßig gekocht. Auch die Raumpflege bietet den Bewohnern Arbeitsplätze.
Nach individuell erstellten Förderplänen werden in einer kleinen Schule Fähigkeiten für eine spätere Arbeit in den Werkstätten und Fertigkeiten im alltagspraktischen Bereich vermittelt. In einer Theatergruppe erwachen unter Anleitung einer Schauspielerin erstaunliche Talente. Mit ihren Aufführungen bereichern die Schauspieler nicht nur viele Feste, sondern nahmen auf Reisen nach Deutschland und in die Schweiz auch erfolgreich an Festivals teil. Im „art-studio“ haben die Bewohner in Begleitung von Therapeuten die Möglichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung. Die dabei entstehenden Bilder sind Grundlagen für Ausstellungen und den Druck von Postkarten. Außerdem werden Ausflüge organisiert, Feste gefeiert und Kirchgänge ermöglicht. Fester Bestandteil sind inzwischen die Sommerlager mit einigen Tagen Aufenthalt an schönen Orten. Daneben arbeiten Physiotherapeuten mit den Bewohnern an der Verbesserung ihrer individuellen körperlichen Zustände.

Jeder Mensch ist entwicklungsfähig

Alle diese Angebote fördern Mobilität, Selbstwertgefühl und Selbstverantwortung der Bewohner. Die Anregung und Schulung kreativer Fähigkeiten eröffnen neue Wege der Kommunikation über sich selbst und die eigene Sicht der Welt. Dank des Trainings lebenspraktischer Fertigkeiten werden die Heimbewohner selbstständiger und unabhängiger vom Personal. Solidarität, die es unter den Bewohnern schon immer gab, ist eine Ressource für den Ausbau gegenseitiger Unterstützungsmöglichkeiten.

Sollen aus diesen Neuerungen und alternativen Ansätzen dauerhafte, im staatlichen System erhaltbare Verbesserungen werden, so müssen sie behutsam in die bestehenden Strukturen mit ihren Traditionen, Beschränkungen und Möglichkeiten eingebettet werden.
Die erstaunlichen Veränderungen der Bewohner sind der praktische Beweis: Jeder Mensch ist entwicklungsfähig - eine Erkenntnis, die sich in Russlands Öffentlichkeit noch lange nicht durchgesetzt hat. Die meisten wissen nicht einmal von der Existenz dieser Menschen in Peterhof. Wir möchten unsere Arbeit dort noch weiter wachsen lassen. Dazu brauchen wir Ihre Hilfe.