Pawlowsk

Viele Besucher von Sankt Petersburg kennen auch Pawlowsk, den kleinen Vorort mit dem klassizistischen Sommerschloss im idyllischen Landschaftsgarten. Die Wenigsten aber kennen das staatliche Kinderheim Nr. 4 ganz in der Nähe der Parkanlage, in dem etwa 600 Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen untergebracht sind. Die Schwächsten unter ihnen leben in Haus 4. Für sie sieht das russische Sozialsystem nur eine minimale Versorgung vor. Mangelhafte Ernährung, ausbleibende Förderung und fehlende Zuwendung führen zu Vereinsamung der Kinder und Unterentwicklung in allen körperlichen und geistigen Bereichen.

Zusätzliche Hände, Herzen und Ideen

1996 begann Perspektiven zunächst, das Heim materiell zu unterstützen. Räume wurden renoviert, Badezimmer saniert, ein Lift eingebaut, Kleider, Rollstühle und andere Hilfsmittel angeschafft. Jedoch reichten Anzahl und Ausbildung der Heimmitarbeiter nicht aus, um neue Wege im Umgang mit diesen Kindern zu gehen. Darum begannen im selben Jahr junge Friedensdienstleistende aus Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Verein „Initiative Christen für Europa“ ihren Dienst im Haus 4.
 
Nach langjähriger, kontinuierlicher Arbeit ist das Leben der Kinder im vierten Haus fröhlicher, bunter, spürbar anders geworden. Inzwischen werden sie täglich von russischen und deutschen Freiwilligen begleitet. Nach dem Motto „Pflegen, Spielen, Fördern“ leben diese einen anderen Umgang mit den Kindern vor, der bei vielen Heimmitarbeitern heute Zustimmung findet. Zudem gibt es eine Reihe therapeutischer und pädagogischer Angebote: In einem Kindergarten, einer Schule und in Einzelförderung geben ausgebildete russische Physiotherapeuten, Pädagogen und Psychologen den Kindern Gelegenheit zum Bewegen, Spielen, Kommunizieren und Lernen. Die Freude an den wachsenden eigenen Fähigkeiten lässt die Kinder selbstbewusster und fröhlicher werden.

Russische und deutsche Fachleute begleiten die Arbeit und beraten die Mitarbeiter, die hin und wieder auch die Möglichkeit erhalten, in westlichen Einrichtungen zu hospitieren. Der Fortbildungsbedarf ist groß, da es in Russland noch immer wenig Erfahrung in der Förderung von Menschen mit Behinderungen gibt. Auch ist es ein wichtiges Ziel, Kontakte zu den Herkunftsfamilien der Kinder zu knüpfen. Viele von ihnen haben ihr Kind aufgrund gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Zwänge in die Obhut des Heimes gegeben und dann oft die Verbindung zu ihm ganz verloren. Inzwischen gibt es mehr Eltern, die ihre Kinder regelmäßig besuchen. Außerdem wurden „Adaptationsgruppen“ eingerichtet, die den Neuankömmlingen aus Säuglingsheimen oder Familien das Eingewöhnen in den Heimalltag erleichtern.

Viel Erreichtes gilt es zu sichern

Leben ist ins Haus 4 gekommen, das spüren nicht nur die Kinder, die anfangen, ihre Gefühle und Sinne zu gebrauchen und ihre Umwelt kennen zu lernen. Auch die russischen Pflegerinnen und Ärzte merken, dass sie sich in diese „sanfte Revolution“ integrieren und dadurch einiges an Arbeitszufriedenheit gewinnen können.

Im Zentrum der Arbeit in Pawlowsk stehen die Kinder als vollwertige Menschen, die Unterstützung brauchen. Obwohl schon einige russische Sponsoren gewonnen werden konnten, wird finanzielle Hilfe aus dem Ausland auch in den kommenden Jahren unverzichtbar bleiben. Bei allen positiven Entwicklungen sind die Bedingungen, unter denen die Kinder in Pawlowsk leben, noch immer unzureichend. Nur durch konsequente Weiterführung der begonnenen Veränderungen werden diese zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensumstände führen. Kleine und große Spenden werden dafür dringend benötigt.