Schule Nr. 25

Laut Verfassung haben ALLE Kinder in Russland ein Recht auf Bildung. Praktisch jedoch blieben Kinder mit schweren oder Mehrfachbehinderungen (das sind gleichzeitige Beeinträchtigungen von verschiedenen Sinnes- und Körperfunktionen, z.B. ein Kind, das blind und taub ist) von diesem Recht ausgeschlossen. In staatlichen Heimen hatten diese Kinder bislang überhaupt keinen Zugang zu Bildung. Auch in den Sonderschulen wurden sie nicht aufgenommen. Dahinter steht die alte Überzeugung, dass Kinder mit schweren Behinderungen keine Schulbildung brauchen. Außerdem fehlt es den Einrichtungen an räumlichen, materiellen und personellen Ressourcen. In der sonderpädagogischen Ausbildung werden Mehrfachbehinderungen erst allmählich überhaupt thematisiert.

Zeit für eine echte Bildungschance

Im Jahr 2006 begann ein vor diesem Hintergrund erstaunliches Projekt: in der städtischen Sonderschule Nr. 25 im Petrograder Bezirk wurden in Zusammenarbeit mit Perspektivy zwei Klassen für je fünf Kinder mit Mehrfachbehinderungen eröffnet. Die Schule hatte bereits seit dem Jahr 2000 auch Kinder mit schweren geistigen Behinderungen aufgenommen.

Perspektiven finanzierte die Renovierung und Ausstattung der Klassenräume im Erdgeschoss, stellt zwei Freiwillige zur Hilfe in den Klassen sowie Minibusse und Fahrer, um die Kinder zur Schule zu bringen. Die Schule stellt Lehrer und Therapeuten (Krankengymnasten, Logopäden).

Für die Aus- und Fortbildung der Arbeit mit Kindern mit mehrfachen Behinderungen in therapeutischen Berufen sind die „Leuchttürme“ der Sonder- und Heilpädagogik in Pskov und Moskau sowie die Sozialschule der Caritas in St. Petersburg und der Austausch mit ausländischen Kollegen von Bedeutung.

Durch den schon seit 1999 bestehenden Kontakt von Perspektiven zur „Schule unterm Regenbogen“ der Lebenshilfe in Ostwestfalen begann 2006 eine Partnerschaft mit der Schule Nr. 25. Seither kommen jedes Jahr St. Petersburger Lehrer/innen für eine Woche gemeinsamer Arbeit nach Nieheim und deutsche Lehrer/innen nach St. Petersburg. Dieser Austausch ist sehr bereichernd für beide Seiten und gibt wichtige Impulse. Eine Frage der gemeinsamen Arbeit ist die Integration der Kinder mit schweren mehrfachen Behinderungen innerhalb der Schule. Als die beiden neuen Klassen 2006 eröffnet wurden, trafen sich Schüler mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen nur während der Pausen oder in der Mensa. Heute gibt es bereits gemeinsamen Unterricht. Im September 2010 soll eine erste Klasse von Kindern mit unterschiedlichsten Behinderungen eröffnet werden.

Gute Praxis macht Schule

Alles in allem wurde daraus ein wegweisendes Modell der Zusammenarbeit mit staatlichen Strukturen, in dem der Verein nur unterstützend an einigen Stellen wirkt.

2010 besuchen 13 Kinder und Jugendliche mit mehrfachen Behinderungen die Schule Nr. 25, die inzwischen den Status eines „Ressourcenzentrums“ hat. Das heißt, dass Seminare und Fortbildungen für Lehrer/innen aus anderen Schulen abgehalten werden.

Die Schule hat mit insgesamt 120 Kindern nur begrenzt viele Plätze für Kinder mit schweren Behinderungen und ist nur eine von vielen St. Petersburger Sonderschulen. Noch hat sie eine Vorreiterrolle. Wir hoffen, dass andere Schulen dem Vorbild folgen und dass Eltern davon ermutigt werden, auch für ihre Kinder das Recht auf Schulbildung einzufordern.